![]() |
| Faksimile Reprint der
deutschen Erstausgabe von 1812/13
im YinYang [ Media Verlag, Kelkheim mit freundlicher Genehmigung der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main Die Deutsche Bibliothek - CIP Einheitsaufnahme:
Copyright © 1999 YinYang [ Media
Verlag, Kelkheim
Ich danke ganz herzlich für die Erlaubnis zur Verwendung der Titelblatt-Miniaturen:
Die Miniatur auf dem Titelbild des 1. Bandes stammt aus
Die Miniatur auf dem Titelbild des 2. Bandes stammt aus
http://www.yinyang-media.de |
|||
| Vorwort zur Neuedition
Es ist mir eine große Freude, die Lieder und Gedichte des großen persischen Dichters Hafis in einer preiswerten Faksimile-Edition der deutschsprachigen Erstausgabe seines "Diwan"1) von 1812/13 vorlegen zu können. Im Goethejahr 1999 um so mehr, als es diese Ausgabe war, die Goethe mit Hafis bekanntmachte und ihn folgereich zum "Westöstlichen Divan" hinriß. Wer also den Spuren Goethescher Inspiration nachgehen will, wird hier in reichem Maße fündig (darüber später mehr). Es ist mir aber ein ganz besonderes Anliegen, einem größeren Publikum Gelegenheit zu geben, die glühende Liebeslyrik der "mystischen Zunge des Unsichtbaren", der "Rose von Schiras" oder auch nur des "närrischen Hafis" in vollem Umfang wieder oder neu zu entdecken. Gerade in unserer Zeit, in der die Menschen des Orients und Occidents durch Zuwanderung und Reisen ganz neu und unmittelbar miteinander in Berührung kommen, bilden Hafis' herrliche Gedichte eine Brücke, in der die Gegensätze wie "fundamentalistischer" Islam und "gottloser" Atheismus durch Hafis' freien Geist und seine feurige Liebesglut zu farbigen Facetten des "Einen" zusammenschmelzen. Hafis (= der Bewahrer des Koran) war ein tiefreligiöser Muslim und Sufi, der in der Tradition der islamischen Mystiker Gott in jeder konkreten Erscheinung und sinnlichen Form wiederfand. In seinen Liedern verherrlicht er nicht nur Allah und den Koran, er besingt in aller Sinnlichkeit die Schönheit der Natur, er schlürft den Moschusduft des Geliebten, und die Augenbraue der Geliebten versetzt ihn in Entzücken. Sein übervolles, freudetrunkenes Herz wird nicht müde, in immer neuen Worten die Köstlichkeit des Weines (!), des Rausches und der fröhlichen Geselligkeit zu lobpreisen. Und mit heiterer Ironie spottet Hafis über die verbietenden Buchstabenfrommen und Kuttenträger, die vom göttlichen Geschenk des Lebens und von der Lebensfreude nichts wissen wollen. Er gehört zu den großen Liebenden, die die ganze Fülle des Daseins als Geschenk Gottes erkennen. |
||||
|
|
||||
| 1) Diwan: persisch für Gruppe, Versammlung, hier: Liedersammlung | ||||
| Natürlich wurde
er wegen seiner freisinnigen Gedichte angegriffen und als Ketzer und Gotteslästerer
verfolgt. Aber selbst der berühmte Richter Ebusund, den man im 16.
Jahrhundert um eine Fatwa anging, war bezwungen von der Schönheit,
Leichtigkeit und Reinheit der Hafisschen Verse. In seinem Rechtsgutachten
entschied er weiser als manch Heutiger: "Die Gedichte Hafisens enthalten
viele ausgemachte und unumstößliche Wahrheiten, aber hie und
da finden sich auch Kleinigkeiten, die wirklich außer den Grenzen
des Gesetzes liegen. Das sicherste ist, diese Verse wohl voneinander zu
unterscheiden, Schlangengift nicht für Theriak2) anzunehmen,
sich nur der reinen Wollust guter Handlungen zu überlassen, und vor
jener, welche ewige Pein nach sich zieht, zu verwahren. Dies schrieb der
arme Ebusund, dem Gott seine Sünden verzeihen wolle."3)
Wenn heute für viele Islam und Fundamentalismus identisch sind, so zeigt Hafis den Fundamentalisten aber auch ihren Gegnern, daß für Muslime Religiosität und freier Geist keine Gegensätze sein müssen. "Schenke bring den Rosenwein
|
||||
|
|
||||
| 2) Theriak (griech.) der ein mittelalterliches Allheilmittel aus vielerlei Bestandteilen, darunter Theriakwurzel, Pimpinelle, Erzengelwurz. (aus: Brockhaus, 4. Auflage, 1968) | ||||
| 3) Diwan, Aus dem Vorwort Joseph von Hammer-Purgstalls (Band 1, S. XXXIV) | ||||
| 4) Diwan, Band 1, S. 427 | ||||
| Mit seiner Liebeskraft,
die dem Denken keinerlei Zügel anlegt, hat er verwandte Geister wie
Goethe, Nietzsche, Rückert und viele andere neu beflügelt.
Goethe schrieb zu der Hammerschen Übersetzung:5) "Wieviel
ich diesem würdigen Mann schuldig geworden, beweist mein Büchlein
in allen seinen Teilen. Längst war ich auf Hafis und dessen Gedichte
aufmerksam, aber was mir auch Literatur, Reisebeschreibung, Zeitblatt und
sonst zu Gesicht brachte, gab mir keinen Begriff, keine Anschauung von
dem Wert, von dem Verdienste dieses außerordentlichen Mannes. Endlich
aber, als mir im Frühling 1813 die vollständige Übersetzung
aller seiner Werke zukam, ergriff ich mit besonderer Vorliebe sein inneres
Wesen und suchte mich durch eigene Produktion mit ihm in Verhältnis
zu setzen. Diese freundliche Beschäftigung half mir über bedenkliche
Zeiten hinweg und ließ mich zuletzt die Früchte des errungenen
Friedens aufs angenehmste genießen."
Goethe an anderer Stelle:6)
"Schon im vorigen Jahre waren mir die sämtlichen Gedichte Hafis
in der von Hammerschen Übersetzung zugekommen, und wenn ich früher
den hier und da in Zeitschriften übersetzt mitgeteilten einzelnen
Stücken dieses herrlichen Poeten nichts abgewinnen konnte, so wirkten
sie doch jetzt zusammen desto lebhafter auf mich ein, und ich mußte
mich dagegen produktiv verhalten, weil ich sonst vor der mächtigen
Erscheinung nicht hätte bestehen können. Die Einwirkung war zu
lebhaft, die deutsche Übersetzung lag vor, und ich mußte also
hier Veranlassung finden zu eigener Teilnahme. Alles was dem Stoff und
dem Sinne nach bei mir Ähnliches verwahrt |
||||
|
|
||||
| 5) Goethe:
Divan, Noten und Abhandlungen (Hamburger Ausgabe,
Band 2, S. 253) |
||||
| 6) Goethe:
Aus den Tag- und Jahresheften, 1815 (Hamburger Ausgabe,
Band 10, 514) |
||||
| und gehegt
worden, tat sich hervor, und dies mit um so mehr Heftigkeit, als ich höchst
nötig fühlte mich aus der wirklichen Welt, die sich selbst offenbar
und im stillen bedrohte, in eine ideelle zu flüchten, an welcher vergnüglichen
Teil zu nehmen meine Lust, Fähigkeit und Willen überlassen war.
[...]
Und wie mir die von Hammersche Übersetzung täglich zur Hand war, und mir zum Buch der Bücher wurde, so verfehlte ich nicht aus seinen Fundgruben mir manches Kleinod zuzueignen." Eines dieser bekanntesten Kleinodien liest sich bei Hafis so: |
|||||
| Hafis:7)
Keiner kann sich aus den Banden
|
Goethe machte daraus:8)
Selige Sehnsucht "Sagt es niemand, nur den Weisen,
In der Liebesnächte Kühlung,
Nicht mehr bleibest Du umfangen
|
||||
| 7) Diwan, Band 2, S. 90 | |||||
| 8) Goethe:
Westöstlicher Divan, Buch des Sängers (Hamburger Ausgabe,
Band 2, S. 18. Vergl. dazu auch die Anmerkungen von Erich Trunz S. 582) |
|||||
| Dich zu schauen
tanzte.
Sieh' der Chymiker der Liebe Wird den Staub des Körpers, Wenn er noch so bleiern wäre, Doch in Gold verwandeln. O Hafis! kennt wohl der Pöbel Großer Perlen Zahlwert? Gib die köstlichen Juwelen Nur den Eingeweihten." |
Keine Ferne macht
Dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt, Und zuletzt, des Lichts begierig, Bist Du Schmetterling verbrannt. Und so lang Du das nicht hast,
|
||||||||
| Goethes Freude und
Dankbarkeit, in Hafis eine verwandte Seele und einen ähnlich freien
Geist gefunden zu haben, besonders wenn er unter den Angriffen der Klerikalen,
Kleingeister und Bigotten litt, äußert sich vielleicht am schönsten
in dem Gedicht:9)
Offenbar Geheimnis Sie haben dich, heiliger Hafis,
Mystisch heißt Du ihnen,
Du aber bist mystisch rein,
Ähnlich beglückend fand Nietzsche in dem gottestrunkenen, "feinsten, hellsten" Hafis einen verwandten Geist. Was Buchstabenfromme als lästerliche Verherrlichung des Weines und des Rausches verdammten und immer noch verdammen mögen, versteht Nietzsche aus der ganzen Tiefe der eigenen Glücksfähigkeit:
9) Goethe: Westöstlicher Divan, Buch Hafis (Hamburger Ausgabe, Band 2, S. 24) |
|||||||||
| Das Glück des Hafis ist eine
lebendige Gabe des Orients, die wir Abendländer dankbar annehmen sollten.
Denn wenn wir uns auf sein Glück einlassen und in uns selbst das große
Glück zulassen, dann gelangen wir zu den Quellen, aus denen das orientalische
Glück, das griechische Glück und auch das Glück des "modernen
Menschen" allesamt fließen: Je stärker wir die Liebe zum einzelnen,
zum Konkreten, zum Geliebten und zur Geliebten wachsen lassen, um so leichter
werden wir die Verbindung zur kosmischen und göttlichen Liebe wiederfinden.
Regina Berlinghof, Kelkheim
|
|||
|
|
Buch bestellen | Ihr Kommentar | zurück zur Startseite | ||
|
|
Order Book | Your comments | Back to index | ||
|
Stand: September 1999 |
|||||